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Anwalt der Nachtschwärmer?

Das Interview mit Mannheims Nachtbürgermeister Hendrik Meier 1/2

Mannheims Nachtbürgermeister, Hendrik Meier, ist der erste Inhaber dieses Amtes in Deutschland. Der Posten orientiert sich an Städten wie Amsterdam, in denen ein Nachtbürgermeister schon seit Jahren zwischen Clubs, Stadtverwaltung und Anwohnern vermittelt. Hendrik Meier hat diesen besonderen Posten in Mannheim seit August 2018 inne. Er ist 27 Jahre alt und noch Student an der Popakademie, hat seine Masterarbeit aber abgegeben. Schon diese hat er über die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Nachtlebens für die Metropolregion Rhein-Neckar geschrieben. Bei einem Treffen im Café Ende 2018 stand er uns beim rnv-Blog für ein Interview zur Verfügung. Dabei sprachen wir mit ihm über sein Amt, den nächtlichen ÖPNV und was aus seiner persönlichen Perspektive gut oder schlecht läuft.

Interview

rnv-Blog: Night Mayor oder Nachtbürgermeister, im Internet liest man beides - welchen Begriff verwendest du denn eigentlich?

Hendrik Meier: Ich sage Nachtbürgermeister. Das Gewicht bei dem Begriff „Bürgermeister“ ist schon recht hoch, daher ist Nachtbürgermeister nicht ganz der treffende Begriff, aber es gibt dem Ganzen eine gewisse Seriosität. Und das ist sehr wichtig für die Nachtökonomie [Anmerkung des Autors: Der Begriff Nachtökonomie ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen Formen des Nachtlebens einer Stadt].

rnv-Blog: Was sind die Aufgaben als Nachtbürgermeister?

Hendrik Meier: Es hat sich herausgestellt, dass es vor allem um Gespräche geht. Es geht darum, herausfinden, ob es dafür überhaupt Bedarf gibt. Das war auch der Hauptgrund für mich, warum ich als Nachtbürgermeister zu Beginn mit allen Beteiligten gesprochen und mir ein Bild davon gemacht habe, welche Erwartungshaltung überhaupt einem solchen Job entgegengebracht wird. Das erfährt man, wenn man die Gespräche mit Anwohnern, Betreibern aber auch der Verwaltung und anderen wichtigen Organen wie der Polizei oder dem Drogenverein führt.
Die Arbeit wird aber auch in Form von verschiedensten Initiativen sehr konkret: Es ist beispielsweise eine Überlegung, ob man nicht im Jungbusch selbst mal eine öffentliche Toilette hin baut. Da muss natürlich das Bauamt mitspielen, die Verwaltung und das OB-Dezernat. Bereits im vergangenen Jahr konnten Pfandkisten installiert werden und durch Veranstaltungen wie der KulturTram auf die Einbindung des ÖPNV in das Nachtleben hingewiesen werden.

rnv-Blog: Siehst du dich als Nachtbürgermeister als Anwalt der Nachtschwärmer in Richtung Stadtverwaltung oder als Vertreter der Stadtverwaltung in Richtung Nachtschwärmer?

Hendrik Meier: Ist schwierig zu sagen, beides ist wichtig. Um gewisse Dinge durchbringen zu können, muss ich auch das Gehör der Verwaltung sein. Aber für mich ist es wichtig alle Akteure gleichberechtigt zu vertreten – auch wenn ich aufgrund meines Alters und meiner Situation eher den Nachtschwärmern zugeordnet werde.

rnv-Blog: Und wie kommen die dann an dich heran, die Nachtschwärmer?

Hendrik Meier: Vor Ort meistens, eigentlich direkt nachts. Natürlich kann man sich auch per Mail und Telefon an mich wenden, allerdings ist es deutlich einfacher, Gespräche mit den Feiernden direkt in der Bar oder Club zu führen. Das passiert in der Regel sehr unterschwellig und resultiert aus einem normalen Gespräch.

rnv-Blog: Wie sehr ist deine Spielart des Nachtbürgermeisters auf den Jungbusch oder die Neckarstadt West fokussiert?

Hendrik Meier: Vor allem von Neckarstadt West und Jungbusch gab es die Rückmeldung, dass sie Unterstützung brauchen. Ich war aber zuvor mit allen Quartiersmanagern im Gespräch. Die haben mir dann signalisiert: „Schön, jetzt kennen wir Sie, wenn es etwas gibt, dann melden wir uns gern“. Mir war es wichtig, in den ersten Monaten auch proaktiv auf alle zuzugehen und meine Arbeit anzubieten und dann zu schauen was zurückkommt. Das war am Anfang wahnsinnig viel, weil ja jeder seinen Kram loswerden wollte – was dann auch für mich gut war, weil sich ein Bild ergeben hat, was und was nicht meine Aufgabe ist.

rnv-Blog: Der Jungbusch ist natürlich auch hipper. Vielleicht macht es auch einfach mehr Spaß da?

Hendrik Meier: Ich glaube, es macht fast weniger Spaß im Jungbusch. Man kennt die Leute und man hält sich sehr oft in dem Viertel auf. Ich wohne ja auch dort und fühle mich sehr wohl. Aber ich sehe den Jungbusch und was er mit sich bringt eben jeden Tag und sehe auch, wie schwer es ist, dagegen anzugehen. Darum ist es eine Herzensangelegenheit, erstmal im Jungbusch zu starten und zu Beginn des Jobs als Nachtbürgermeister an einem Stadtteil praktisch alles auszuprobieren, um dann mit Erfahrung das Ganze auf die Gesamtfläche zu verteilen.

rnv-Blog: Kommen wir zum Thema ÖPNV: Welchen Stellenwert hat denn das ÖPNV-Angebot auf das kulturelle Nachtangebot einer Stadt?

Hendrik Meier: Sehr hoch! Ich denke viele Leute fahren eben auch mit den Öffentlichen zu Konzerten oder abends in die Nachtbetriebe. Deshalb wird aktuell darüber nachgedacht, dass man auch mehr die kleineren Clubs mit ins Kombiticket nimmt [Anm. Das Kombiticket ist ein Fahrschein, der im Ticket für eine Veranstaltung, z.B. ein Konzert, eingebunden ist] – was ich super finden würde, weil es sehr viel Sinn macht.

rnv-Blog: Was hat aus deiner Sicht das größte Gewicht beim ÖPNV Angebot in der Nacht? Preis, Fahrtenhäufigkeit oder das Thema Sicherheit?

Hendrik Meier: Ich glaube, in Mannheim geht viel über den Preis. Ich denke, viele Leute würden sich einen günstigeren Tarif wünschen. Wobei ich den Preis in Mannheim gar nicht so teuer finde. In Nürnberg zahle ich 3,10 Euro wenn ich drei Stationen fahre, es ist also extrem teuer, und hier bin ich mit 2,60 schon günstiger dran – und ab 2019 ist es noch deutlich günstiger mit 1,80 Euro.  [Anm. Gemeint ist die Modellstadt-Initiative GreenCity, die seit 1.1.2019 gilt]
Und zum Thema Angebot: Mir wurde zugetragen, dass es immer wieder vorkommt, dass nach einem Konzert Personen beispielsweise nach Feudenheim zurückfahren wollten und um zwölf Uhr die letzte Bahn fuhr. Viele, die im Umkreis wohnen, fahren dann natürlich mit dem Auto in die Stadt, weil es abends einfach nicht mehr so gut erreichbar ist, wie es sein sollte. In Mannheim verkehrt eben wahnsinnig viel in der Stadt selbst, aber für so manche Bezirke wie Feudenheim besteht dann Nachholbedarf.

rnv-Blog: Hast du Vorschläge, was Mannheim in Bezug auf den ÖPNV und gerade im Hinblick auf den Nachtverkehr besser laufen könnte?

Hendrik Meier: Das Nachtticket ist wie gesagt eher so eine idealistische Geschichte, ob man die wirklich noch etwas günstiger machen könnte. Wenn die Normaltickets schon 1,80 kosten, müssten günstigere Nachttickets ja 1,20 kosten, damit der Unterschied bemerkbar ist. Aber ein Ticket für 1,20 Euro musst du als ÖPNV gar nicht erst anbieten, allein aus kostentechnischen Gründen. Da wäre es dann schon viel interessanter, generell über durchweg kostenlosen ÖPNV zu sprechen, wie er jetzt in einigen Städten eingeführt wird. Was auch völlig sinnvoll wäre – es gibt viel zu viele Autos auf den Straßen, die Parkplätze reichen nicht aus und die Verschmutzung wird zunehmend unzumutbar. Und da bin ich sehr gespannt, wie die Politik in den nächsten Jahren handeln wird.

 

Den zweiten Teil des Interviews findet ihr hier.


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