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| Technik, Fortschritt

Der kann das auf sich sitzen lassen

In der Polsterei - vorher und nachher

Alle aufsatteln!

„Auch auf einem Thron werden Hosen durchgesessen“ – so lautet ein geflügeltes Wort aus Polen. Dabei wird gedanklich aber vernachlässigt, dass auch eine noch so feine Hose ihrerseits wiederum jedes Sitzpolster strapaziert. Daher müssen - ebenso wie irgendwann das Kleidungsstück - auch die Polster getauscht werden, wenn sie durchgesessen oder anderweitig kaputtgegangen sind. Das gilt selbstverständlich auch für uns bei der rnv, wo auf den Sitzplätzen in Straßenbahn und Bus tagtäglich einige hunderttausend Fahrgäste durch das Herz der Metropolregion fahren. Wiederhergestellt werden die Sitze dann in der eigenen Sattlerei der rnv.

Ihren Sitz ;-) hat die Sattlerei für die gesamte rnv in der Werkstatt auf dem Mannheimer Betriebshof. Während früher noch jede der Altgesellschaften in Ludwigshafen, Heidelberg und Mannheim eine eigene Polsterei beschäftigt hat, werden heute sämtliche auszutauschende Sitze der rnv in dieser Werkstatt bearbeitet. Dabei fällt der allergrößte Teil der Arbeit an verschlissenen Sitzpolstern an, deren Bezugsstoff einfach aufgrund tausendfacher Benutzung und Reinigung ausgeblichen, abgewetzt und beschädigt ist. Sitze, die Vandalismus zum Opfer fallen, machen übrigens nur etwa 20 Prozent der Arbeit in der rnv-Sattlerei aus. Dennoch bedeutet jeder mutwillig zerschnittene, beschmierte oder mit dem Feuerzeug verbrannte Sitz eine unnötige Sachbeschädigung – und zeugt von mangelndem Respekt gegenüber diesem Handwerk.

Am Anfang der Arbeit in der Sattlerei stehen kistenweise Sitze, deren Bezüge oft aussehen als kämen sie aus einer Schlacht. Diese müssen erst einmal entfernt werden. Dabei gibt es rnv-weit den bekannten blauen Bezugsstoff für alle Fahrgäste gleichermaßen, der daher in riesigen Rollen vorrätig ist. Bei der Auswahl wurde ein besonders haltbares synthetisches Material mit einem mehr oder weniger chaotischen Muster gewählt – schließlich fällt so nicht jede kleine Verschmutzung oder Beschädigung sofort ins Auge. Da früher jede der Altgesellschaften eigene Muster verwendet hat, lagen vor nicht allzu langer Zeit noch sechs verschiedene Bezugsmuster vor. Die einzigen Abweichungen vom Einheitsbezug sind auf der einen Seite die Fahrersitze, die einen anderen blauen Bezugsstoff haben, und auf der anderen Seite unsere Eventbahn „Salonwagen“, für dessen historische Sitze noch ein gesonderter Stoff vorhanden ist. Der einheitliche blau gemusterte Stoff ist damit natürlich in größerer Menge zu bestellen, was sich sowohl in den Arbeitsschritten für die Sattler als auch für die rnv in der Materialbeschaffung rechnet.

Der Herr der Sitze

Bei den Polstern, also dem Schaumstoff, der für die Weichheit der Sitzgelegenheit sorgt, sieht es anders aus: Für die vielen unterschiedlichen Sitze in den Fahrzeugen gibt es auch unterschiedliche Polster. Etwa 20 verschiedene Formen und Größen sind im rnv-Verkehrsgebiet unterwegs. Klar wird das beim Blick in die einzelnen Fahrzeuge: Seitensitze, Klappsitze, Doppelsitze etwa vorn beim Busfahrerplatz und viele mehr – zudem gleichermaßen in Straßenbahn und Bus und in der Unterteilung zwischen Sitzpolstern und Rückenlehnen. Auch wenn die Form immer variiert, das Prinzip der Arbeit für die Polsterer ist immer das gleiche: Ein alter Sitz kommt, das alte Polster mitsamt Bezug muss runter, ein neues Polster mit neuem Bezug drauf.

In der Sattlerei der rnv arbeiten zwei Personen, die mit echter Handarbeit pro Jahr ganze 4000 Sitze erneuern. Das HANDwerk geht in Finger und Arme, da Polster und Kleberreste von Hand per Schleifmaschine oder Spachtel entfernt werden müssen. Die neuen Sitzpolster werden auf den Rohling, die Sitzschale aus Holz oder Glasfasermaterial, geklebt. Das geschieht mit einem besonders haltbaren Kleber, der im Flüssigzustand sehr flüchtig ist – daher wird dieser Schritt mit Atemschutzmaske und unter einem speziellen Abzug durchgeführt. Wenn die Polster geklebt sind, dann wird ein neuer Bezug aus der schier endlosen Rolle per Schablone ausgeschnitten und befestigt.

Danach ist der Sitz fertiggestellt: Er kann wieder in den Fahrzeugen verbaut werden und dient abertausenden Fahrgästen als willkommene Sitzgelegenheit – bis er irgendwann erneut durch unzählige Hosen und Hinterteile so abgewetzt ist, dass er ausgetauscht werden muss. Der ewige Kreis!

Arbeiten in der Sattlerei
Standardpolstermuster der Sitze
Polstermuster der Fahrersitze
Polstermuster der historischen Bahnen
Echte Handarbeit mit der Schleifmaschine
Beklebung der Sitzpolster

Ein echtes Handwerk. In der kleinen Bildergalerie lässt sich die Sattlereiwerkstatt genauer betrachten.


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