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| Umwelt, Fortschritt

Goodbye, unter Tage

Verfüllung der Borelly-Grotte

Schlussstrich unter die Kaiserring-Passage

In Mannheim war sie eine Art Wahrzeichen, im Guten wie im Schlechten: die „Borelly-Grotte“. Die Kaiserring-Passage nördlich des Hauptbahnhofs, wie das Bauwerk eigentlich hieß, ist seit diesem Jahr Geschichte: Die minutiös geplante Verfüllung wurde am 11. September 2021 im Zeitplan abgeschlossen. Diese besondere Aufgabe haben wir bei der rnv filmisch begleitet:

Die Baumaßnahme der rnv war eine spezielle logistische Herausforderung: An vier Verfüllwochenenden im August und September rollten im Viertelstundentakt Lastwagen an die Kreuzung, um für die Betonpumpe Material anzuliefern. Dann wurde das Verfüllmaterial an den vier Wochenenden über die vier Treppenzugänge von oben in den unterirdischen Hohlraum gepumpt.

Um den aufschlussreichen Film zu dem Projekt textlich zu begleiten, haben wir ein Interview mit unserem rnv-Kollegen Stefan Schwab aus dem Bereich Infrastruktur geführt, dem Verantwortlichen für die Verfüllung der Borelly-Grotte. Außerdem bietet unsere unten angefügte Bildergalerie einen Überblick über die besondere Aufgabe.

Interview: Materialschlauch rein und ab dafür?

Porträt Stefan Schwab

rnv-Blog: Herr Schwab, die Verfüllung der Borelly-Grotte ist jetzt abgeschlossen – war es für Sie alltäglich oder etwas Besonderes, so einen Hohlraum zu verfüllen?

Stefan Schwab: Auf jeden Fall besonders. Klassisch mache ich für die rnv ja Tief- und Gleisbau. Aber diese Grotte zu verfüllen war schon eine besondere Aufgabe. Am Anfang hieß es noch salopp: „Lass mal 6000 Kubikmeter Beton reinlaufen und das war‘s dann.“ Aber im Zuge der Umsetzung haben sich dann doch einige Aspekte aufgetan, die das Ganze sehr interessant gemacht haben.

rnv-Blog: Zum Beispiel wurde ja nun nicht nur „Beton reinlaufen gelassen“, sondern verschiedene Materialien in verschiedenen Schichten, um alles bei Bedarf auch wieder heraus zu bekommen.

Schwab: Ja, zuerst hat man einen Estrich-Beton eingebaut, um die Fugen und Löcher zu schließen. Dann hat man das eigentliche Verfüllmaterial genommen, das sich aus einem Boden-, Sand-, Zement- und Flugasche-Gemisch zusammensetzt. Und zum Schluss, um die Kraftschlüssigkeit zu gewährleisten, wurde die letzten zehn, fünfzehn Zentimeter Quellbeton eingebracht. Und wenn man das Ganze wieder reaktivieren will, ist es relativ einfach, das auch wieder zurückzubauen.

rnv-Blog: Gab es eine besondere Herausforderung bei der Verfüllung?

Schwab: Das waren die unzähligen Löcher in der Grube, bei denen nicht klar war, wo sie eigentlich hinführen. Dafür haben wir im Vorfeld noch eine TV-Befahrung [Anm: Ein langes, geführtes Kabel mit einer Kamera am Ende bspw. zur Videoinspektion von Kanälen] gemacht, um die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, damit der Estrich am Ende nicht dorthin läuft, wo er nicht hinlaufen soll – etwa in einen Abwasserkanal. Das wäre natürlich sehr ungünstig.

rnv-Blog: … und als der Estrich drin und die Löcher zu waren, war es dann nur noch ein Spaziergang? Materialschlauch rein und ab dafür?

Schwab: Nicht ganz, denn es gab dort ja noch Bauwerkfugen, die vom Boden bis zur Decke gehen. Man musste also sicherstellen, dass hier auch nichts hineinläuft – diese Fugen wurde dann im Vorfeld verpresst. Also ein Spaziergang war es sicher nicht, jeder Verfüll-Tag war eine Herausforderung. Man wusste ja nicht sicher, ob das nun auch alles so funktioniert, wie man sich das überlegt hat.

rnv-Blog: Eine weitere Schwierigkeit war sicher auch die Koordination an den vier Verfüllwochenenden. Wie wurde sichergestellt, dass die Lastwagen an der Pumpe einerseits nicht Schlange stehen müssen und dass aber gleichzeitig immer ein Wagen mit genug Füllmaterial für die Pumpe vor Ort war?

Schwab: Von der Baufirma war ein Kollege abgestellt, der das Ganze disponiert hat. Per Handy wurden die Lastwagen dann abgerufen und so hat sich das eingespielt. Man wusste also, alle 10-15 Minuten braucht es einen LKW an der Pumpe, dann hat man das so eingetaktet, man wusste ja die Umlaufzeit. Das hat gut geklappt - in Spitzenzeiten mit bis zu zehn LKWs gleichzeitig.

rnv-Blog: Wie war es denn für Sie, unten in der ehemaligen Passage zu sein? Wie war ihr allererster Eindruck von der Borelly-Grotte?

Schwab: Als wir in die entkernte Grotte gekommen sind, hat man ja erst einmal den „Tanzsaal“ gesehen – also so war mein erster Eindruck in dem großen entkernten Raum da unten (lacht). Ich bin da unten reingegangen und dachte: „Das ist ja ein riesen Tanzsaal!“ Als wir dann hinten in die Technikräume gegangen sind, war es auch interessant, wie verwinkelt und verschachtelt das alles ist. Die Öffentlichkeit hat das ja gar nicht so zu sehen bekommen. Das war für mich ein spannender Augenblick – wie viele Räume und wie viel Technik noch hinter so einer Fußgängerunterführung stecken!

rnv-Blog: Haben Sie denn einen persönlichen Bezug zur Borelly-Grotte?

Schwab: Nein, ich hatte da keinen persönlichen Berührungspunkt. Aber was ich interessant fand: Ich habe ja mit verschiedenen Leuten zu tun gehabt und jeder hat seine ganz persönliche Geschichte zur Unterführung zu erzählen, mit was er oder sie persönlich die Borelly-Grotte verbindet.

rnv-Blog: Und gab es ganz zum Schluss nach getaner Arbeit noch einmal einen besonderen Moment?

Schwab: Naja, als man dann fertig war, hat man sich ein schon ein bisschen innerlich auf die Schulter geklopft, weil da alles in der Zeit gepackt wurde. Es war ja schwierig mit den Wochenend- und Abend-Arbeiten. Also an dieser Stelle auch ein Lob an die Mitarbeiter von Diringer [Anm. Diringer & Scheidel], die da wirklich Opferbereitschaft gezeigt haben, um das Zeitfenster einzuhalten.

rnv-Blog:Vielen Dank für das Gespräch.

Borelly-Grotte mit Graffiti vor Verfüllung
Rohr mit Verfüllmaterial
Aufgang der Borelly-Grotte
Bauarbeiten in der Borelly-Grotte
Ehemaliger Eingang in die Borelly-Grotte
Luftaufnahmen von den Bauarbeiten zur Verfüllung der Borelly-Grotte
LKWs mit Material zum Verfüllen
Rohr mit Verfüllmaterial in Nahaufnahme
Verfüllung der Borelly-Grotte kurz vor dem Abschluss der Bauarbeiten

Ende Juli 2021 starteten die vorbereitenden Arbeiten. An den vier Wochenenden vom 20. bis 22. August, 27. bis 29. August, 3. bis 5. September und vom 10. bis 12. September wurde dann verfüllt: Mit dem Rückbau der Treppenaufgänge und den abschließenden Restarbeiten erinnert seit Ende September nichts mehr an die ehemalige Fußgängerunterführung.


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