Es ist selten, dass Bahnen innerhalb Deutschlands ein neues Zuhause finden. So erging es unseren Fahrzeugen vom Typ MGT6D aus Heidelberg, welche seit vergangenem Jahr in Schöneiche bei Berlin unterwegs sind. Dieser Artikel beleuchtet dieses interessante Projekt von der Idee bis zur finalen und technischen Umsetzung.
Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn (SRS).
Heidelbergs erste Niederflurbahnen
Ein kleiner Rückblick: Die zwölf MGT6D haben den Straßenbahnverkehr in Heidelberg ab Mitte der neunziger Jahre geprägt und modernisiert. Durch die spezielle Konstruktion der 29,2 Meter langen Fahrzeuge mit Einzelrad-Einzelfahrwerken (EEF) und dem damit verbundenen hohen Niederfluranteil war es erstmals möglich, an ausgebauten Haltestellen stufenlos einzusteigen. Ein großer Gewinn für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste mit Rollator, Rollstuhl oder auch schlicht mit Kinderwagen. Durch die fortschreitende Auslieferung der Rhein-Neckar-Tram (RNT) – wir haben bereits hier in einem anderen Blog-Artikel darüber berichtet – wird der Fuhrpark der rnv modernisiert und die Bestandsfahrzeuge aus den 1990er-Jahren größtenteils ersetzt. Nach größeren Unfällen und zur Ersatzteilversorgung wurden mehrere Fahrzeuge abgestellt. Ende 2024 waren nur noch sieben MGT6D betriebsfähig.

Die Anfänge
Der Kontakt zwischen der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH (SRS) und der rnv bzw. der Heidelberger Straßen- und Bergbahn AG (HSB) besteht schon lange. Bereits 1999 wurden Bahnen nach Schöneiche verkauft – damals noch entbehrliche GT6. Durch die Lieferung moderner Rhein-Neckar-Variobahnen (RNV) von Bombardier Transportation ab 2003 wurden immer mehr GT6 obsolet, weshalb insgesamt 14 Bahnen ihren Besitzer wechselten und ein neues Zuhause in Brandenburg fanden. Seither bestand zwischen den Verkehrsbetrieben ein reger Kontakt, welcher sich jetzt lohnte.
Doch wie sieht denn die neue Heimat der MGT6D aus? Die Strecke der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH (SRS) verläuft zwischen dem S-Bahnhof Friedrichshagen in Berlin und Rüdersdorf. Der 14,1 Kilometer lange Abschnitt gleicht einer meterspurigen Überlandstraßenbahn und wird durch die Linie 88 bedient. Neben den MGT6D aus Heidelberg und den KT6NF mit Niederflurmittelteil vom tschechischen Hersteller Tatra kommen ebenso Fahrzeuge des Typs „Artic“ zum Einsatz, auf welchen die Rhein-Neckar-Tram (RNT) beruht.
Nun waren durch die Planung zusätzlicher Verstärkerleistungen und zur Abstellung der letzten GT6 neue Fahrzeuge notwendig. Es sollten Zweirichtungsfahrzeuge beschafft werden, idealerweise in Niederflurausführung. Daher beobachtete die SRS die Marktentwicklung und Verkaufsabsichten anderer Verkehrsunternehmen genau. So wurde das brandenburgische Unternehmen auf die sechs später übernommenen MGT6D aufmerksam.

Technische Anpassungen
Bereits in Mannheim wurden die Wagen auf ihren späteren Einsatz vorbereitet. Technische Komponenten, welche nur im rnv-Gebiet eingesetzt werden, wurden ausgebaut und dienen als Ersatzteile, auch für Bahnen vom Typ GTN, deren Technik mit der in den MGT6D verwand ist.
Zu den ausgebauten Elementen zählen Bauteile des RBL (rechnergestütztes Betriebsleitsystem) und das IBIS (steht für „Integriertes Bordinformationssystem“). Diese Technik ist unter anderem für die Verbindung und Kommunikation mit der Betriebszentrale sowie die Steuerung der Außen- und Innenanzeiger wichtig. Ebenfalls wurde, teilweise auch durch die Kolleginnen und Kollegen in Schöneiche, die IMU („Induktive Meldeübertragung“) und die INDUSI („Induktive Zugsicherung“) ausgebaut. Über die IMU werden die Weichen gesteuert, die INDUSI ist ein wichtiger Bestandteil bei signalüberwachten Strecken. Beim Überfahren von rot zeigenden Signalen oder bei zu hoher Geschwindigkeit löst die INDUSI eine Zwangsbremsung aus. Bei einem Fahrzeug wurde in der rnv-Werkstatt eine Hauptuntersuchung des Wagenkastens durchgeführt. Das Auffälligste ist die Neulackierung der Bahnen im SRS-Lackschema sandgelb und verkehrsgrün.
Für den Einsatz in der neuen Heimat mussten von der SRS einige Änderungen an den Fahrzeugen ausgeführt werden. Beispielsweise wurden die Einzelrad-Einzelfahrwerke (EEF) im Mittelteil der Bahnen mit neuen Radreifen ausgestattet, um die Spurführungsvoraussetzungen in Schöneiche einzuhalten. Ebenfalls musste das Funk- und das Fahrgastinformationssystem an die dort verwendete Technik angepasst werden. So sollen die Fahrzeuge noch acht bis zwölf Jahre dort verkehren.

Vorteile & Resonanz
Die Vorteile der Fahrzeuge sind klar: durch die Bauweise ist ein, verglichen mit den Altfahrzeugen, weitaus höherer Niederfluranteil vorhanden. Generell hat sich das Fassungsvermögen auch erhöht.
Durch die genannten Vorteile ist die Resonanz der Fahrgäste positiv. Für das Werkstatt- und das Fahrpersonal ist der Einsatz der MGT6D natürlich eine Umgewöhnung – neue Fahrzeugtechnik und ein anderes Fahrverhalten müssen durch eine Ausbildung erst gelernt werden. Wir wünschen den Kolleginnen und Kollegen in Schöneiche sowie den Fahrgästen viele erfolgreiche Jahre mit „unseren“ MGT6D!

