Vor etwas mehr als 24 Jahren kamen die ersten Fahrzeuge vom Typ Rhein-Neckar-Variobahn in unserem Verkehrsgebiet an und bringen seither Fahrgäste sicher und komfortabel von A nach B. Die Variobahn war der erste Fahrzeugtyp, welcher die verschiedenen Verkehrsunternehmen vor rnv-Gründung gemeinsam beschafft haben. In unserem neuen Blog-Beitrag blicken wir auf die Besonderheiten und die Geschichte der Variobahn in unserer Region.
Jeder für sich
In den 1990er Jahren, lange vor Gründung der rnv, war jedes der fünf Verkehrsunternehmen in unserer Region für seine eigenen Linien und seinen Fuhrpark verantwortlich. Deshalb gab es, besonders aus Fahrzeugsicht, viele unterschiedliche Entwicklungen. Dies machte den Fuhrpark in unserem Verkehrsgebiet interessant und vielfältig – mit Blick auf die Instandhaltung jedoch komplexer.
Mit Aufkommen der Niederflurtechnik beschaffte die Heidelberger Straßen- und Bergbahn AG (HSB) die MGT6D von Düwag. Die Mannheimer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (MVG), die Verkehrsbetriebe Ludwigshafen (VBL) und die Rhein-Haardtbahn (RHB) beschafften die 6MGT und 8MGT, ebenfalls von Duewag. Die Fahrzeuge unterschieden sich grundlegend voneinander. Die Oberrheinische Eisenbahn-Gesellschaft (OEG) setzte auf die Variobahn von ABB Henschel bzw. ADtranz. Jedes Verkehrsunternehmen kochte sozusagen sein eigenes Süppchen.
Um die hochflurigen Altfahrzeuge zumindest teilweise ersetzen zu können, wollte man Ende der 1990er Jahre Neufahrzeuge beschaffen. Erstmals in der Geschichte der Verkehrsbetriebe im Rhein-Neckar-Raum schaute man sich nach einem gemeinsamen Fahrzeugtyp um. Man wollte im Hinblick auf Ersatzteile, Einsetzbarkeit und schlussendlich Wirtschaftlichkeit Synergien nutzen.
Testfahrzeuge zu Gast
Zur damaligen Zeit boten diverse Hersteller unterschiedliche Fahrzeugplattformen an. Bei dieser Beschaffung hatte man, anders als bei den 6MGT und 8MGT 1994, die Möglichkeit, bereits betriebsfähige Fahrzeuge im eigenen Netz zu testen und sozusagen „probezufahren“. Neben der Variobahn V6, welche bereits seit 1996 bei der OEG im Einsatz war, wurde ein innerbetrieblich als ST13 bezeichnete und von LHB gebauter Wagen aus Darmstadt und der Combino-Prototyp von Siemens getestet. Da die jeweiligen Fahrzeuge in Puncto Bauweise und Technik gänzlich unterschiedlich waren, konnte man sich ein detailliertes Bild von den auf dem Markt befindlichen Wagen und deren spezifischen Vor- und Nachteilen machen.
Der ST13 wies, im Gegensatz zur Variobahn und dem Combino, Drehgestelle auf. Das knapp 28 Meter lange Fahrzeug hatte dadurch besonders gute Fahreigenschaften. Jedoch war im Gegenzug der Niederfluranteil in Wageninneren geringer. Und zur damaligen Zeit wollte man einen besonders hohen Niederfluranteil vorweisen. Hintergrund ist, dass Niederflur als innovativ galt und enorme Vorteile für Mobilitätseingeschränkte und Fahrgäste mit Kinderwagen brachte.

Das zweite Testfahrzeug, der Prototyp des Combinos von Siemens, war eine komplette Neuentwicklung. Die Kombination aus einem geschraubten Wagenkasten aus Aluminium und die Ausführung als Multigelenkfahrzeug war neu. Die Bahn bot einen zu 100 Prozent niederflurigen Innenraum und ein modernes, zeitgemäßes Design. Durch die Bauform in Modulbauweise wäre eine Zusammenstellung nach Wunsch der Verkehrsbetriebe relativ einfach gewesen.

Nachdem man alle Vor- und Nachteile, die Anschaffungskosten sowie weitere Details verglichen und abgewogen hatte, entschieden sich die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe 1998 für die Beschaffung der Variobahn.
Weiterentwicklung des Ursprungsmodells
Die Variobahn V6 wurde in vielen Gesichtspunkten weiterentwickelt und das Design der Wagen überarbeitet. Die Neufahrzeuge hießen fortan Rhein-Neckar-Variobahn. Um die Einsetzbarkeit im gesamten Streckennetz in allen drei Städten und auf den Überlandstrecken sicherzustellen, wurde die Fahrzeugbreite auf 2,4 Meter reduziert. Im Leistungsbereich der Antriebstechnik wurde robuste IGBT-Technik verbaut, welche heute noch bei vielen Schienenfahrzeugen eingesetzt wird.
Um dennoch den Gegebenheiten in den jeweiligen Einsatzgebiete zu entsprechen, wurden die Bahnen in unterschiedlichen Ausführungen bestellt. Heidelberg bekam achtachsige Zweirichtungsfahrzeuge mit etwa 39,4 Metern Länge, für den Einsatz auf der OEG wurden 30,5 Meter lange, sechsachsige Zweirichter geordert. Die Bahnen für die Mannheimer MVV waren mit etwa 43 Metern Länge die längsten Fahrzeuge, ausgeführt als Einrichtungswagen. Ludwigshafen bestellte 30,5 Meter lange Einrichter.
Die Grundbestellung sah 36 Fahrzeuge in den unterschiedlichen Varianten vor. Heidelberg und Ludwigshafen bekamen je acht Wagen, Mannheim und die OEG jeweils zehn. Im Zuge des Vertragsabschlusses wurde auch eine Option zur Nachbestellung weiterer Fahrzeuge vereinbart.
Ankunft der ersten Variobahn und Optionslieferungen
Im August 2002 wurde die erste Rhein-Neckar-Variobahn, ein achtachsiges Fahrzeug für die Mannheimer MVV, im Bahnhof Seckenheim der Öffentlichkeit präsentiert. In den kommenden Monaten folgten die Bahnen für Heidelberg, Ludwigshafen und die OEG. Im Betriebshof Edingen wurden die Wagen durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bombardier Transportation, welcher nach Übernahme durch ADtranz die Fahrzeuge lieferte, in Betrieb genommen.


Bis 2013 wurden insgesamt 83 Rhein-Neckar-Variobahnen produziert. Die ersten 36 Wagen erhielten noch die unterschiedlichen Farbgebungen der Altunternehmen. Mit Start der Optionslieferungen 2006 präsentierten sich die Fahrzeuge im Design der 2005 gegründeten rnv. Alle ab 2009 gelieferten Bahnen sind mit Energiespeichern ausgestattet. Dadurch ist es möglich, kurze Abschnitte ohne Energie aus der Fahrleitung zurückzulegen.

Nach jahrelangem Einsatz erfolgte ab 2016 die grundhafte Instandsetzung und Sanierung der Variobahnen in Halberstadt. Seit etwa eineinhalb Jahren werden die umfangreichen Arbeiten in den Werkstätten der rnv ausgeführt. Neben der Erneuerung des Fußbodens und diverser technischer Komponenten wurden auch die Verklebungen der Fahrzeuge saniert. Eine Neulackierung in rnv-Farben wurde ebenfalls durchgeführt, weshalb heute keine Variobahn mehr im Design der Altunternehmen unterwegs ist.
Ausblick
Neben der Rhein-Neckar-Tram (RNT) sind die Rhein-Neckar-Variobahnen heute das prägendste Fahrzeug auf den Schienen in unserer Region. Man rechnet bei modernen Fahrzeugen mit einer Lebensdauer von 30 bis 36 Jahren – die Variobahnen werden also noch einige Jahre im rnv-Verkehrsgebiet unterwegs sein.


